Anständig streiten, das lässt sich lernen

Debattenkultur taucht als Schlagwort in den Medien derzeit gefühlt so häufig auf wie das zum Wort des Jahres 2016 gekürte postfaktisch. Die Debattenkultur, heißt es, müsse gerettet werden. Dem öffentlichen Diskurs sei die Fähigkeit, durchdachte Argumente zu präsentieren, abhandengekommen. Schleichend habe sich ein Unterbietungswettbewerb in Stil und Ton entwickelt.

quoteAlso, was es braucht, ist eine bessere Debattenkultur, ein Überbietungswettbewerb in Sachen Logik und konstruktiver Überzeugungskraft, oder?

„Gute Debatten sind eine Voraussetzung lebendiger Demokratie und eines gelingenden Zusammenlebens in unserer vielfältigen Gesellschaft.
Debattieren heißt: Stellung beziehen, Gründe nennen, Kritik vortragen – gegen- und miteinander. Debattanten müssen sich präzise ausdrücken können und einander zuhören. Im Alltag braucht jeder diese Fähigkeiten. Und jeder braucht sie, um politisch mitreden zu können“, heißt es in den FAQ des Schülerwettbewerbs Jugend debattiert. Debattieren als Unterrichtsreihe, ein naheliegender Ansatz.

Schön, aber wenn Sie nicht das Glück hatten, das in der Schule schon zu lernen? Hier ein paar Tipps, wo Sie anfangen könnten:

Debattier- und Rhetorikclubs

Angelsächsischer Tradition folgend, sind in den letzten Jahren auch bei uns Debattierclubs entstanden, in denen das gepflegte Streiten kultiviert wird. Die Debatte wird dabei als sportliche Wettkampfdisziplin verstanden, in der Teams für die Pro- und Kontra-Seite gegeneinander antreten. Auf dass die besseren Argumente gewinnen mögen. Die meisten dieser Clubs sind an Hochschulen angesiedelt, was kaum verwundert, denn rhetorische Fähigkeiten zählen zu den Eigenschaften, die seitens künftiger Arbeitgeber besonders geschätzt werden.

Linktipps:

Und was gibt es für Nicht-Mehr-Studierende? Eine gute Möglichkeit, nicht nur das überzeugende Argumentieren, sondern auch die grundlegenden Fähigkeiten des Aufeinander-Hörens und kritischen Denkens zu üben, sind für mich nach wie vor Toastmasters-Clubs. Deutschlandweit sind diese Rhetorikclubs in vielen Städten vertreten. Debatten und andere Diskussionsformate stehen hier immer wieder mal auf der Tagesordnung.

Linktipps:

Online-Material

Reden lernt man nur durch Reden – so weit, so trivial. (Sagte schon Marcus Tullius, 106-43 v. Chr.) Aber die Basis einer Debatte sind Argumente, und wie man diese konstruiert bzw. diejenigen der Gegenseite demontiert, dazu braucht es durchaus auch theoretisches Wissen.

Eine wichtige Fähigkeit beim Debattieren ist es beispielsweise, Scheinargumente erkennen und ihnen zu entgehen, statt in die Falle zu tappen.
Hier ein paar  – englischsprachige – Online-Materialien, mit denen sich das ganz gut (wieder) lernen lässt:

Argument Mapping

Wo eine Methode ist, da ist eine App nicht weit … Logiker haben seit jeher Argumente systematisch in ihre Einzelteile zerlegt, Best Practices untersucht, zu standardisieren versucht. Was liegt da näher, als das Konstruieren von Argumenten mit Software zu unterstützen?

Tim van Gelder entwickelte in den 1990er Jahren als Erster Software für das Argument Mapping, eine Methode, um die Struktur von Argumenten, die Beziehungen zwischen Prämissen und Schlussfolgerungen zu visualisieren. Mittlerweile gibt es mehrere solcher Editoren, mit denen sich Argumenten-Diagramme erstellen lassen.

Linktipps:

  • What exactly is an Argument Map? Auf der Website von argunet (Projekt und Open-Source-Editor, entwickelt von deutschen Philosophie-Dozenten)
  • Van Velders Online-Kurs kann hier belegt werden und
  • eine Übersicht kommerzieller und Open-Source-Software, mit der sich Argument Maps erstellen lassen, gibt es hier.

Blick in die Zukunft: Watson Debate

Eine Debatte ist umso gelungener, je besser vorbereitet die Teilnehmer sind, sprich: je mehr Fakten sie zur Unterstützung ihrer Argumente vorbringen können. Nur – bei komplexen Themen ist es auch für Experten nahezu unmöglich, angesichts der Informationsfülle noch die relevanten Fakten zu überblicken.

Hier könnte in Zukunft künstliche Intelligenz helfen: IBMs Watson durchpflügt Millionen von Dokumenten in Sekunden, um passende Informationen und Argumente Pro-Kontra aufzuspüren. Was in dem folgenden Video gezeigt wird, ist zwar nur eine Demo – aber könnte sie nicht so aussehen, die „Debattenkultur“ der Zukunft?
(Debate-Demo ab Minute 45:25)