Begleitetes Schreiben

Die Schreibmaschine der Zukunft ist ein intelligenter Textassistent, der Autoren alle ungeliebten Tätigkeiten im Schreibprozess abnimmt. So beschreibt der Interaktions-Designer und Autor Samim Wininger (samim), der sich selbst als „KI-Experimentierer“ bezeichnet, in einem neuen Artikel auf medium die Anforderungen an moderne Textverarbeitung.

Remix: Assembly App

Der eigentliche schöpferische Vorgang, so Samim, wird in Zukunft viel mehr als bisher schon darin bestehen, Vorhandenes kreativ zu veredeln.

Kuratieren, Remixen, Transformieren  – das sind Tätigkeiten, bei denen Maschinen hervorragend einsetzbar sind.
Sie liefern den Rohentwurf, der von Autoren nur noch vollendet werden muss.

Für alle fortgeschrittenen Funktionen stehen digitalen Textarbeitern heute Werkzeuge zur Verfügung, und doch helfen diese Tools nicht bei grundlegenden Fragen: Wie schreibe ich gute Geschichten? Wo finde ich Inspiration? Wie überwinde ich Schreibblockaden? In diesen Bereichen hat sich das Schreiben jahrhundertelang nicht verändert: Der Mensch macht die kreative Arbeit, die Maschine druckt die Wörter.

Heute dagegen verändern neue Technologien grundlegend die hergebrachte Arbeitsteilung zwischen uns und unseren Schreibwerkzeugen.

Seit den frühen Tagen der Autokorrektur, so Samim, gibt es unbestreitbar Fortschritte beim computergestützten Schreiben.
Wissenschaft und Industrie verwenden Techniken der Sprachverarbeitung und des Maschinenlernens, um natürliche Sprache zu verstehen, zu manipulieren und zu erzeugen.
Algorithmen, mit denen sich Stil, Verständlichkeit oder Grammatik eines eingegebenen Textes prüfen lassen, sind heute allgegenwärtig. Deshalb liegt es nahe, sich eine ganz andere Art von Schreibsoftware vorzustellen: ein Werkzeug, das den Schreibprozess aktiv inspiriert und anleitet.

Wie sehen diese Schreib-Maschinen also künftig aus? Als Antwort dekonstruiert Samim den Schreibprozess in einzelne Phasen oder Kompetenzen, denen er Module ​​einer neuartigen Textverarbeitungssoftware zuordnet.

  1. Empfehlen: Beschleunigt Recherche und Einordnung. Das Modul empfiehlt verwandte Texte (Bücher.) on the fly, basierend auf dem Text, den der Autor gerade schreibt.
  2. Zusammenfassen: adressiert Probleme der Textlänge und der Lesezeiten. Spart Zeit. Es komprimiert automatisch Texte auf die wesentlichen Punkte.
  3. Vereinfachen: Problem der Textkomplexität. Es vereinfacht automatisch Sätze mithilfe neuronaler Netze.
  4. Morph: nimmt zwei (oder mehr) Textpassagen und setzt sie zusammen. Ein neuronales Netz füllt die Leerzeichen und erzeugt Sätze, die zu einem Kontinuum verschmelzen.
  5. Transfer: Kümmert sich um Inhaltsqualität und Stil. Dank künstlicher neuronaler Netze können wir unsere Texte in den Stil eines berühmten Schriftstellers übersetzen.
  6. Vorhersage: Nie wieder stockender Schreibfluss und mühsames Suchen nach Formulierungen. Eine Art Autocomplete-Funktion trifft Prognosen über den nächsten Input und lässt uns dadurch viel schneller schreiben.
  7. Generieren: Hilft uns über Schreibblockaden hinweg. Künstliche neuronale Netze werden trainiert und erzeugen gleich Originaltexte in unserem Sinne, wir wählen nur noch Thema und Genre.
  8. Übersetzen: Vereinfacht Multimodalität und Cross-Media-Storytelling. Durch die „Übersetzung“ zwischen Medientypen können wir zum Beispiel aus zusammengewürfelten Bildern Geschichten erzeugen.
  9. Zusammenarbeiten: delegiert eine Menge Schreibkram an verteilte Textarbeiter und hilft uns, komplexe Arbeitsschritte einfach zu vermitteln.
  10. Schnittstelle: Texterfassung mittels guter Spracherkennung und Text-to-Speech-System

Für jedes dieser Module verweist Samim im Artikel auf ein entsprechendes Forschungs- bzw. Open-Source-Projekt: Obwohl deren Ergebnisse manchmal noch nicht so ganz überzeugend seien, zeigten sie schon ganz gut, wohin sich die Dinge entwickeln könnten. Die vorgestellten Projekte verfolgten alle das Ziel, „die Intelligenz der Autoren zu mobilisieren und neue spielerische Schreiberlebnisse zu ermöglichen, die von Maschinen unterstützt werden“.

Schöne neue Arbeitswelt? Es mag zu denken geben, mit welcher Software das Konzept Nr. 9, Zusammenarbeit (Collaborate) demonstriert wird: Ein Programm zerlegt einzelne Tätigkeiten in kleine Einheiten, die dann von Textsklaven bei Amazon Mechanical Turk ausgeführt werden.

Links:
Samim Wininger auf der re:publica
Assisted Writing. Reimagining Word Processing, Medium 07.06.2017