Was ist denn „digitales Schreiben“?

Gestern lud die Süddeutsche Zeitung in Kooperation mit dem Börsenverein des deutschen Buchhandels „Begleiter und Gestalter des digitalen Wandels“ auf ein Barcamp ein, um die Schnittstellen des digitalen Publizierens zu erkunden. Wer wollte, konnte von draußen über den Hashtag #schnittstellen1 folgen. Ergebnisse werden am 16. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse diskutiert – ich bin gespannt.

Bei der Gelegenheit habe ich mir überlegt, welche Eigenschaften für mich eigentlich das digitale Schreiben kennzeichnen. Herausgekommen ist folgende Liste:

Digitales Schreiben ist entgrenzt.
Das Buch als abgeschlossenes Ganzes hat ausgedient, es wächst sich nach allen Richtungen aus, nicht nur durch die enthaltenen Verlinkungen, sondern durch die drumherum entstehenden Diskussionen, Rezensionen, Empfehlungen, Rekontextualisierung, das Teilen von Ideen und Passagen in den sozialen Netzwerken.  Ein Buch – das kann auch eine Website sein. Das Buch als Wissensspeicher ist nicht mehr konkurrenzlos.

Digitales Schreiben trägt Versionsnummern.
Daraus, dass es immer einfacher möglich wird, das Geschriebene aktuell zu halten, wächst die Erwartung an Aktualität, gar die Pflicht zur Versionierung. „Kultur wird zu Software, die nicht mehr als unveränderliches Werkstück daherkommt, sondern in Versionen.“ (Dirk von Gehlen)

Digitales Schreiben tanzt auf vielen Plattformen.
Vor allem für allem Fach- und Sachtexte gilt: „Print oder E-Book?“ ist gar keine Option – die Information muss dahin, wo sie von den Nutzern erwartet wird. Das digitale Fachbuch ist ein Gebilde, das mehrere Plattformen einbezieht und verknüpft.

Digitales Schreiben ist Konversation.
Schreiben im stillen Kämmerlein, als genialer schöpferischer Akt und isoliert, das war einmal. Der Dialog mit den Lesern, oder gleich die umfassende reader experience, rückt ins Zentrum. Siehe nicht zuletzt Pottermore.

Digitales Schreiben ist visuell – bzw. multimodal.
Und überhaupt: „Schreiben“?? Das Digitale wird zunehmend visueller, siehe die Beliebtheit von Plattformen wie Instagram und Pinterest, die zunehmende Popularität von Formaten wie Sketchnotes und (neuerdings wieder) Infografiken.

Digitales Schreiben fördert Prosumenten.
Everybody writes – das war schön früher so, aber jetzt wird es sichtbarer und öffentlicher.

Digitales Schreiben braucht Handover-Funktionen.
In den Fokus rücken bei der Digitalisierung die Schnittstellen, und zwar nicht nur zwischen Autorin und Verlag, Lektorat und Herstellung, System und Content, Text und Leser, sondern zwischen den Texten, um vernetzt, wiedergefunden, aufeinander bezogen zu werden. Siehe oben: #schnittstellen1.

Digitales Schreiben befeuert Teamarbeit.
Kollaboration wird beim digitalen Schreiben wichtiger, befördert durch die Möglichkeiten des gleichzeitigen Editierens von Dokumenten, wie es Etherpad, Google Docs und neuerdings auch Word erlauben.

Digitales Schreiben ist didaktisch.

BornDigital

Im engeren Wortsinn existiert digitales Schreiben als didaktische Methode, wie sie zum Beispiel von den umtriebigen Köpfen der Hybrid Pedagogy gefördert wird.

Digitales Schreiben ist Handwerk.

Wer will, kann digitales Schreiben sogar in der Maker-Szene verorten: Als Handwerk, das genauso erlernt und geübt sein will wie Schnitzen, Stricken, Schreinern – und die eigenen Werkzeuge dabei immer weiter entwickelt.