Gelesen: „Do It Yourself – Die Mitmach-Revolution“

Welche Begabungen und Fähigkeiten brauchen eigentlich „Maker“?

Oder umgekehrt: Kann eigentlich an der Maker-Bewegung jemand partizipieren, wenn sie oder er überzeugt ist, zwei linke Hände zu haben oder einfach nicht gerne bastelt?

Die Frage stellte sich letztens in einem Forum des Leuchtfeuer-40-MOOCs.

Nun hat das „Selbermachen“ ursprünglich tatsächlich sehr viel mit Handarbeit, Basteln und Heimwerken zu tun, aber der Begriff DIY umfasst doch sehr viel mehr, einschließlich der Eigen-Produktion von Wissen und Medien. Das zeigt sehr anschaulich ein Buch, das ich heute vorstellen möchte.

Es handelt sich genauer gesagt um einen Ausstellungskatalog: das Begleitbuch zur Ausstellung DIY – Die Mitmach-Revolution, die 2012 u.a. im Museum für Kommunikation in Frankfurt gezeigt wurde (Trailer). Es ist somit schon etwas älter. Das macht aber nichts – interessant sind die historischen und kulturwissenschaftlichen Hintergründe, die Parallelen zur Gegenwart erschließen sich von selbst.

Neben Abbildungen von Exponaten versammelt der Band vor allem Aufsätze zu den verschiedenen Aspekten des Selbermachens, angefangen beim Hobby als „Steckenpferd“, über das es im Grimmschen Wörterbuch heißt, es sei „die gelindeste unter allen Abschweifungen über die Grenzlinie des menschlichen Verstandes“ (zitiert auf S. 24).

Als Begriff tauchte Do It Yourself (DIY) erstmals 1912 in einer amerikanischen Zeitschrift auf und wurde in der Nachkriegszeit hauptsächlich mit dem Heimwerker-Milieu gleichgesetzt, bevor es in den 1970er Jahren zum Schlagwort einer Gegenkultur wurde, die sich gegen standardisierte Konsumkultur und verfestigte Strukturen in der Arbeitswelt wandte. Das zeigt der Katalog recht anschaulich, etwa in den Kapiteln über Urban Knitting – Handarbeiten als Teil der Hippie-Kultur – und kreativen Protest ( „Von der Spaßguerilla zum Smartmob“ ).

Do It Yourself war schon immer ein Mittel zur Selbst-Verwirklichung und Selbst-Ermächtigung, „ein Verlangen nach Veränderungen und Verbesserungen“, sagt die Mitherausgeberin Vera Kuni in einem sehr lesenswerten Interview auf Telepolis.

In echter DIY-Manier: Schablonen fürs Customizing des Katalog-Exemplars

Die AutorInnen arbeiten dabei unterschiedliche Herangehensweisen heraus, die verschiedene „Selbermach-Typen“ charakterisieren: Was unterscheidet den Bastler vom Hacker und diesen wiederum vom Heimwerker? Die Prosumer von den Craftern? Dilettanten, Amateure, Bricoleure?

All diese Typen werden beschrieben, wobei die Ausstellung drei hauptsächliche Formen des DIY differenziert: „1. Das Selbstmachen im Sinne einer kreativen eigenen Gestaltung, 2. das Mitmachen nach vorgegebenen Mustern und 3. das Zusammen-Machen im Sinne eines gemeinschaftlichen Projekts“ (S. 7). Sicher sind die Übergänge fließend. Aber diese drei Stränge lassen sich im Großen und Ganzen auch bei den gegenwärtigen Maker-Bewegungen ausmachen.

Um zur anfangs gestellten Frage zurückkehren: Ganz sicher gibt es „hoch spezialisierte Subkulturen“, besonders im Bereich des Hardware-Hackings und Retrocomputings (S. 192-197) und es braucht schon einige Skills, um da mitmachen zu können – aber Making kann auch subversives Guerrilla Gardening bedeuten oder Mitarbeit an freier Software …

Helmut Gold, Annabelle Hornung, Verena Kuni, Tine Nowak (Herausgeber): DIY: Die Mitmach-Revolution. Ventil Verlag 2011, ISBN-10: 3931555410