Gelesen: „Meta! Das Ende des Durchschnitts“

Dirk von Gehlen will in seinem neuen Buch „nicht das Internet erklären“. Wohl aber einige der kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen, die Digitalisierung mit sich bringt: Inhalte, die nicht beim Sender, sondern beim Empfänger produziert werden. Gesammelte Nutzerdaten, die kontextbasiert eine nie vorher mögliche Personalisierung von Inhalten erlauben. Die granulare Gesellschaft – das Gegenteil von Massenproduktion und Massenkommunikation. Viele parallele Nischen und immer stärkere Segmentierung von Nutzergruppen, zum Beispiel auf der Grundlage ortsbezogener Daten. Und so fort.

Und es ist wohltuend nüchtern, wie von Gehlen das tut: Jenseits von Schreckensszenarien auf der einen, Paranoiavorwürfen auf der anderen Seite. Es geht ihm darum, Strategien für den Umgang mit den Veränderungen aufzuzeigen, um digitale Mündigkeit also.

Lesenswert sind die im Buch enthaltenen Interviews, beispielsweise mit Michael Niemeyer, Datenanalyst beim FC Bayern (ich hatte bisher keinerlei Vorstellung davon, wie sehr heute Spielerauswahl, Taktik und Training von Datenerhebung und -analyse bestimmt werden). Oder mit Stefan Zilch, dem ehemaligen Deutschland-Geschäftsführer von Spotify (der bei allem Schwärmen über die Vorteile passgenauer Playlists doch bekennt, dass ein „Random-Button“ nett wäre, der einem zeigt, „was wäre eigentlich, wenn keiner wüsste, was ich lese oder höre“.)

Nicht Inhalte, der Kontext spielt eine immer entscheidendere Rolle, so kurz gefasst die Ausgangsposition des Buches. Der Kontext lässt sich ablesen aus Metadaten – die Metadaten einer Kommunikation verraten unter Umständen mehr über eine Person und deren Umfeld als die Inhalte. Aus Metadaten geht beispielsweise hervor, welche Musik ich wann höre, gehört habe oder voraussichtlich hören möchte: Voraussetzung für einen Dienst wie Spotify. Metadaten zeigen an, von wo aus ich ein Taxi oder ein Carsharing-Fahrzeug mit dem Smartphone buche: Voraussetzung für neue effiziente Mobilitätsangebote, wie sie Daimler gerade testet.

Wandel von der Lautsprecher- zur Kopfhörerkultur

Der klassische Verkehrsfunk ist nur eines der Beispiele für die eigentlich überholte, kontextfreie „Lautsprecherkultur“, die eine einheitliche Botschaft für alle aussendet, unabhängig davon, ob es für sie relevant ist oder nicht. („Menschen, die häufig Radioprogramme mit Verkehrsfunk hören, haben je nach Bundesland eine enge Verbindung zu Ortschaften wie Würzburg-Heidingsfeld, Köln-Niehl oder dem Autobahnkreuz in Kamen“). Überholt ist das schon in Zeiten kluger Navigationssysteme – noch gar nicht zu reden von selbstfahrenden Autos – die darauf reagieren, wo man sich gerade befindet. Kopfhörerkultur nennt von Gehlen diese Personalisierung von Inhalten, die sich am Rezipienten orientieren und die er an vielen anderen Beispielen zeigt, vom responsiven Design von Webseiten bis zum Roboterjournalismus.

Was aus Konsumentensicht als nützliche Individualisierung wahrgenommen wird, ist allerdings aus Anbietersicht eher eine feinere und passgenauere Segmentierung, die sich nicht mehr am Durchschnittskonsumenten orientiert. Für die Medien leitet von Gehlen daraus „fünf Vorschläge … für das Zeitalter des Kontexts“ ab, einen Perspektivwechsel etwa vom Dokument zum Dialog, vom Werk zum Netzwerk. Und für die Rezipienten die Fähigkeiten, die es braucht, um „die digitale Welt zu lesen“, etwa die Kompetenz, das Entstehen und Verwerten von Daten zu verstehen.

Von der Abwehrhaltung zur Datensouveränität

Datensammeln ist an sich weder gut noch böse, es kommt auf den Kontext an. Was sich wie eine platte Binsenweisheit anhört, ist aber gerade der Kern der Sache.

Zu Recht hebt von Gehlen einen entscheidenden Umstand hervor: Misstrauen entsteht, wenn Daten intransparent und ohne Wissen der Nutzer gesammelt werden und ihnen das Datensammeln noch dazu keinen Vorteil bietet. Oder wenn mangelnde Bereitschaft, sich damit zu beschäftigen, wie das Netz funktioniert, zur Mythenbildung rund um geheimnisvolle Algorithmen führt. In Bereichen wie dem Gesundheitssektor hingegen, wo die Auswertung persönlicher Daten in großen Mengen medizinischen Fortschritt und personalisierte Medikation verspricht, sind sehr viele Menschen zum Teilen persönlicher Daten bereit.

Das Ziel muss letztlich digitale Mündigkeit sein, so das Plädoyer des Buches, in Bezug auf die Algorithmen etwa „ein aufgeklärtes Verhältnis zu den Rechenoperationen, die häufig als zu kompliziert dargestellt werden, um sie zu verstehen“.

Ein neues Verständnis von Öffentlichkeit

Die Digitalisierung bewirkt eine Verschiebung dessen, was als öffentlicher Raum wahrgenommen wird: „Es gibt immer weniger Standardbühnen, auf denen zur exakt gleichen Zeit ein für alle exakt gleiches Programm gegeben wird.“ (Illustriert am Beispiel von Promis, die für ein bestimmtes Publikum Starstatus haben können, außerhalb dieser Kreise aber völlig unbekannt sind.) Gleichzeitig werde das, was früher auf rein privater Ebene – etwa am Stammtisch – verhandelt worden sei, plötzlich auf eine Art öffentlich, dass es die politischen Auseinandersetzungen beeinflusst.

Von Gehlen zitiert Eli Pariser, der den Begriff der Filterblasen prägte: Dieser habe eine neue Ethik für das digitale Zeitalter gefordert, vergleichbar der journalistischen Ethik des 20. Jahrhunderts –, „eine Art Pressekodex für das Zeitalter nach dem Durchschnitt.“ Transparenz hinsichtlich der Filter und Algorithmen fordert Pariser von denjenigen, die Öffentlichkeit herstellen, namentlich Google und Facebook – und die Möglichkeit, die Filter jederzeit ein- und ausschalten zu können. (Man darf skeptisch sein, ob das auf Gegenliebe stößt, da das Geschäftsmodell von Facebook fast ausschließlich, von Google überwiegend auf dem Verkauf von Werbeplätzen beruht, was eben diese Geheim-Rezeptur voraussetzt.)

Am Schluss wird dann doch noch das Internet erklärt. Verena Metze-Mangold, Präsidentin der deutschen UNESCO-Kommission weist im Interview auf einen entscheidenden Unterschied in der Betrachtung hin: Je nachdem, ob man das Internet als Infrastruktur und als schützenswertes öffentliches Gut (eine eher europäische Sicht) oder als privatwirtschaftlich abzuschöpfenden Weltmarkt (eine eher amerikanische Sicht) ansieht, wird man Chancen und Entwicklungen unterschiedlich bewerten.

Dirk von Gehlen: Meta! Das Ende des Durchschnitts. Berlin: Matthes & Seitz 2017.

PS: Das Buch erscheint in unterschiedlichen Fassungen, um „unterschiedliche Wünsche der Leserinnen und Leser“ zu berücksichtigen, ganz wie es der These des Autors vom Ende des Durchschnitts entspricht. Meine gewählte Variante ist Standard & Podcast.

PPS: Ich habe meine Eindrücke hier wiedergegeben, ohne vorher – wie es dem Zeitalter des Kontexts entsprochen hätte – die schon vorliegenden Rezensionen zu lesen, zu verlinken und kommentieren. Das hole ich jetzt nach, indem ich stellvertretend den Blogartikel von Nicola Wessinghage verlinke, die sich dem Buch auf andere Weise nähert.