Slow Saturday in Berlin

Was tun, wenn man unterwegs in der S-Bahn, auf dem Weg zu den Gärten der Welt, feststellt, nicht nur die Kamera, sondern auch das Smartphone daheim vergessen zu haben? Ein Device-freier Tag! Das hatte ich schon lange nicht mehr. Perfekt für den Digital Detox, das Mal-Abschalten. Einerseits. Natürlich wäre es schön, andererseits, die vielen Eindrücke auf der IGA, das „Mehr an Farben“, die Gärten von Landschaftsarchitekten aus aller Welt, aber auch die Besucher festhalten zu können …

Das geht! Tatsächlich, auch ohne Kamera – einfach indem man daraus eine kreative Schreibaufgabe macht.

„Fotografisches Notieren“ nennt der Literaturwissenschaftler Hanns-Josef Ortheil die Methode, mit der sich die Beobachtungsgabe schärfen, Aufmerksamkeit und Konzentration üben lässt.

Ortheil beschreibt in seinem Notizen-Leitfaden Schreiben dicht am Leben, wie der Schriftsteller Peter K. Wehrli auf einer Orientreise beginnt, seine Reiseeindrücke mit der Sprache statt mit der Kamera einzufangen – eben als er bemerkt, dass er das Ding daheim vergessen hat. So beginnt er seinen „Katalog von allem“, wie er das später als Buch erschienene Projekt nennt. Wie Exponate in einem Katalog, fortlaufend nummeriert und im Nominalstil beschrieben, schildert er die Momentaufnahmen.

Worauf es beim fotografischen Notieren ankommt: So präzise wie möglich Personen, Orte oder Gegenstände festzuhalten, so wie man sie fotografiert haben würde. In chronologischer Folge, so wie die Eindrücke während des Reisens. Bei Wehrli klingt das zum Beispiel so:

88. die Staubwolkedie Staubwolke über er Straße und den Dächern im Dorf Basköy, die mir verrät, dass da vor einiger Zeit ein Auto vorbeigefahren sein muss(zitiert nach Ortheil, S. 32)

Auf der IGA notierte ich zum Beispiel:

Jüngerer Mann in Hipsterkluft, einen Drillingswagen schiebend, darin Nachwuchs; die mitleidig-erstaunten Blicke der Entgegenkommenden; Frau mit zitronengelbem Käppi und knallgrünem Mantel, ihr Mann in papageienbunter Kluft, ein „Mehr an Farben“

Jetzt ist es natürlich nicht immer so, dass ich einen Bleistift und Notizbuch dabei hätte. Durch das aufmerksame Hinsehen prägen sich die Szenen aber so ein, dass sie ein paar Stunden später noch lebhaft vor Augen stehen und beschreibbar sind.

Und um noch auf den Slow Saturday zu kommen: Das ist meine Notiz zum Entschleunigungspfad auf dem IGA-Gelände.

Die entschleunigte Zeit, parallel zum Kienbergpfad verlaufender kurzer Trimm-dich-ähnlicher Parcours mit Achtsamkeits-, Kurzentspannungs- und Atemanleitung, von Slowtime Berlin

Buchtipp: Ortheil, Hanns-Josef: Schreiben dicht am Leben. Notieren und Skizzieren. Duden-Verlag, Berlin 2012

Slowtime auf der IGA: (Ankündigungstext)

Grafik erstellt mit der Assembly App