Bots klauen unsere Sprache. Oder so.

Transformer

Transformer – Marcelo Páez Bermúdez auf Flickr CC-BY-2.0

Unsere Schreib- und Kreativwerkzeuge rüsten sich unaufhaltsam mit künstlicher Intelligenz. Wird nun alles, was wir von uns geben, intelligenter – oder im Gegenteil vorhersagbarer, genormter, angepasster?

Individuelle Kreativität und Ausdrucksfähigkeit könnten verloren gehen, wenn wir dem “Auto-Vervollständigen” zu viel Raum geben, meint der Autor Mark Wilson (The Rise Of Auto-Complete Culture–And Why We Should Resist auf FastCo) und führt als Beleg zwei Anwendungen von Google auf.

  • Autocomplete: In Googles Mailclient schlägt die Funktion Gmail Smart Reply vorgefertigte Antworten wie “haha,” “lol,” oder “talk later” vor. Das ist verführerisch, weil es eben schnell und unkompliziert geht und anscheinend oft die sinngemäß richtige Botschaft ist. Um das zu leisten, wurden offenbar zuvor große Mengen an tatsächlicher Korrespondenz analysiert und daraus der durchschnittlich wahrscheinliche Dialogverlauf errechnet.
  • Autodraw: In dieser Google-Applikation braucht man bloß eine sehr simple Skizze zu zeichnen und Google macht daraus mittels künstlicher Intelligenz ein richtig gutes Clipart. “Sozusagen Adobe mit Auto-Vervollständigen-Formel.”

(Ich hab das beides noch nicht ausprobiert. Kann mir jemand sagen, ob das tatsächlich so funktioniert?)

Wilson befürchtet, dass die Gewohnheit Schablonen zu verwenden es schwieriger mache, originell zu sein und zitiert eine Studie, nach der sich der Wortschatz einer durchschnittlich gebildeten Person im Vergleich zur Zeit um 1800 um die Hälfte verringert habe.

Was mich wirklich am Aufstieg der aggregierten, Durchschnitts-, Auto-Vervollständigen-Kultur erschreckt, ist nicht nur, dass ich merke, wie mein eigenes Vokabular abnimmt. Sondern ich fürchte, dass künftige Generationen mittels anonymer Algorithmen sprechen lernen, bevor sie ihre eigenen prächtigen, unperfekten Stimmen herausbilden, bevor sie neue Wörter erfinden können und neue Formen der Selbstdarstellung entwickeln, die unsere Kultur bereichern und den gesellschaftlichen Fortschritt befördern würden.

Mich hat die Art der Argumentation an einen Artikel von Kathrin Passig aus dem Jahr 2009 erinnert. Standardsituationen der Technologiekritik heißt er und zeichnet unterhaltsam die Bahnen nach, denen historisch gesehen die Kritik an technischen Neuerungen folgt. Die von Kulturkritikern vorgebrachten Argumente erscheinen vorhersehbar, gar standardisiert. So sehr, dass sie  sich nummerieren lassen. Und Argument Nr. 9 lautet, tja: Die neue Technik verändert unsere Lese-, Schreib- und Denkfähigkeit. Passig stellt fest:

Es scheint derzeit etwa zehn bis fünfzehn Jahre zu dauern, bis eine Neuerung die vorhersehbare Kritik hinter sich gebracht hat. Die seit 1992 existierende SMS wird mittlerweile nur noch von extrem schlechtgelaunten Leserbriefschreibern für den Untergang der Sprache verantwortlich gemacht.

Aber es gibt überhaupt keinen Anlass zu Hochmut oder gar, sich lustig zu machen. Wir können ja gar nicht wissen, ob diesmal die Kritiker nicht recht behalten … Ich empfehle, den Vortrag von Kathrin Passig bei der re-publica 2012 (wieder) anzusehen. Standardsituationen der Technologiebegeisterung heißt er und widmet sich den Vorhersagen von Technikoptimisten, die ebenso wenig eingetroffen sind wie die der Pessimisten.

Der Vortrag endet mit Empfehlungen in Bezug auf Zukunftsvorhersagen, zum Beispiel: Standardbehauptungen (wie die oben erwähnten vorhersehbaren Argumente) vermeiden, weil diese sich im Nachhinein eben schon zu oft als falsch herausgestellt haben. Und Unwissen einsehen, einfach sagen: Ich weiß es nicht – sofern man solche Vorhersagen nicht doch von Berufs wegen, als Trendforscher oder Journalist wagen muss.