Das „Re” in Revision / Schreiben und Lektorieren gleichzeitig

Jedes Manuskript werde erst nach 23 Überarbeitungsgängen wirklich gut, hab ich mal gelesen. Da ist was dran, auch wenn man es nicht wörtlich nehmen muss. Und ich glaube nicht, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern wird, trotz aller Algorithmen und Tools, die uns beim Schreiben unterstützen.

Für die Überarbeitung (die Revision) müssen Autoren Zeit einplanen, selbst wenn – oder gerade wenn – ein Manuskript professionell lektoriert wird. Denn dann müssen die Änderungen ja geprüft und miteinander abgestimmt werden.
„Re-Vision” bedeutet wörtlich, das Geschriebene nochmal anzuschauen, möglichst aus der Leserperspektive. Ist zwar eher angelsächsischer Sprachgebrauch, aber mir gefällt der Ausdruck.

Was wird sich verändern, wenn Autor und Lektor mit der Unterstützung neuer Online-Tools parallel im Manuskript arbeiten können?

Was ist ein Überarbeitungsdurchgang

Traditionelles Lektorat hieß: Das Manuskript wandert zwischen Autor/in und Lektor/in mehrmals hin und her. (Oder auch Abstimmung von Änderungen am Telefon.) Bei den einzelnen Überarbeitungsgängen hieß es das Augenmerk jeweils auf einen bestimmten Aspekt zu richten, um nichts zu übersehen.

(Also ich referiere hier erstmal die Theorie. In der praktischen Arbeit lässt sich das nach meiner Erfahrung überhaupt nie so klar trennen, außer man hakt eine Checkliste mit bestimmten Schreibungen etc. ab.)

Bei der ersten Überarbeitung gehts um die Logik des Textes, die Leserführung:

  • Ist ein roter Faden erkennbar?
  • Baut ein Absatz auf dem vorigen auf?
  • Ist jedes Argument gut begründet?
  • Ist überhaupt alles gut verständlich?
  • Gibt es genügend Beispiele?

usw.

Beim nächsten Durchgang sollte die Lektorin oder der Lektor auf Konsistenz achten, das bedeutet zum Beispiel

  • prüfen, dass Abkürzungen einheitlich verwendet werden,
  • die Leseransprache vereinheitlichen,
  • darauf achten, ob Fachbegriffe beim ersten Auftreten erklärt werden.

Danach erst vielleicht die Stil-Prüfung, um das „Rauschen” zu entfernen, also etwa

  • überflüssige Adjektive und sonstige Füllwörter rauswerfen,
  • den sogenannten Nominalstil beseitigen,
  • schwache Wörter durch aussagekräftigere ersetzen,
  • schiefe Bilder oder krumme Formulierungen bereinigen.

Und am Schluss noch mal ein Korrekturgang, weil man sich natürlich keine Rechtschreib- oder Grammatikfehler leisten möchte.

Zwischen diesen Arbeitsgängen konnte, wie gesagt, das Manuskript mehrmals vom Lektorat zu den Autoren wandern und zurück. Jedes Mal eine neue Version mit Überarbeitungsmarkierungen und Kommentaren, und man musste irgendwie die Übersicht über die verschiedenen Versionen behalten. Zum Beispiel mit Dateinamen.

Manuskript202015.docx
Manuskript202015.edneu.docx
Manuskript202018.edneu2-KBV.docx
Manuskript202022.edne3-final.docx
Manuskript202028.edne3-final-final.docx

Was ändert sich?

Online-Editoren machen es möglich, dass Autorin und Lektorin parallel im Manuskript arbeiten. Das heißt: Beide haben jederzeit und unabhängig voneinander Zugriff, und die Änderungen werden automatisch protokolliert. Überarbeitungen können jeweils vom anderen akzeptiert, Kommentare beantwortet, Ergänzungen gelöscht werden.

Vereinfacht gesagt: Es gibt nur die eine Datei „Manuskript202015″ und die Versionen können jederzeit zurückverfolgt werden, weil die Online-Dateiverwaltung das protokolliert.

Ich denke, dass dadurch bei der Zusammenarbeit drei Gesichtspunkte an Bedeutung gewinnen:

  1. Definitionen klarer Ziele und Zeitfenster. Letztlich könnte man sich Sprints wie in der Softwareentwicklung vorstellen. Die Beteiligten müssen sich darauf einigen, wer sich um was kümmert (z.B. „Zwischenüberschriften und Kapitelanfänge prüfe ich, aber erst am Schluss”).
  2. „Definition of ‘done'”: Wann sehen wir es als fertig, reif zur Veröffentlichung an? Das heißt also, Qualitätsziele festlegen.
  3. Checklisten und Richtlinien. Die sind immer empfehlenswert, werden jetzt aber noch wichtiger. Sie müssen idealerweise auch von beiden Seiten gepflegt werden.

Ja, und was ist jetzt der Vorteil?

Auf der Hand liegt zum einen die Zeitersparnis aufgrund der Möglichkeit, geordnet zeitgleich zu arbeiten. (Ein Argument, das zum Beispiel SMASHDOCs ins Feld führt.)

Fast noch wichtiger finde ich allerdings, dass sich Autoren und Lektorin gegenseitig über die Schulter schauen können. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber an sich motivierend. Und manchmal hält es tatsächlich vom Prokrastinieren ab. Weil der andere ja sehen kann, ob man was gemacht hat …