Die re:publica in Buzzwords

re:publica 2017


Ja mei, was soll man schon über die diesjährige re:publica schreiben, wo es doch schon hunderte Tweets, Posts, dazu Live- und Nach-Berichterstattung quer durch die Medien gab?

Ich schreibe hier also auch keinen Bericht, sondern ein paar Schlagworte auf, die mir während der drei Tage neu (oder anders) begegnet sind.

Los geht's:

Automatisierte Kreativität

In einer Reihe von Kurzvorträgen ging es um die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz, das zu schaffen, was wir bisher als ursprünglich menschliche Domäne angenommen hatten: Kunst. Maschinen lernen, was Menschen an Kunstwerken fasziniert, und sie stellen auf der Grundlage von Analysen und Algorithmen etwas Ähnliches her. Aber darum geht es gar nicht, sagt der Designer Samim Wininger. Es geht um “Augmented Creativity”, das Zusammenwirken von Mensch und Maschine. Der Roboter erstellt die Reinzeichnung aufgrund des Künstler-Entwurfs. Oder er sucht aus Unmengen von Bild- und Videodateien das Rohmaterial zusammen, dass dann im digitalen Storytelling verwendet wird.

Bönhase

Hacker der Frühzeit. Man konnte vor 200 Jahren nämlich nicht so ohne weiteres ohne Zertifikat und Zunftzugehörigkeit arbeiten. Tat man es doch, musste man bereit sein, jederzeit unterzutauchen. Gelernt beim Antique Bullshit Bingo in der Session von Jörn Hendrik Ast, Loving Mondays Since 1817.

Doxing

re:publica 2017

Caroline Sinders von der Wikimedia Foundation forscht zu Schikanierung in sozialen Medien und befasste sich mit der Frage, wie Maschinen Gefühlsäußerungen erkennen und damit Community Managern helfen können, Mobbingopfer besser zu schützen. In ihrem Vortrag ging es um verschiedene Praktiken des öffentlichen Bloßstellens, darunter eben das Doxing (Wikipedia): Veröffentlichung privater Fotos, Dokumente oder Kontaktdaten.

Hackbase

Hackerspace mit der Möglichkeit, dort zu wohnen. Gelernt in der Session von Simon Kowalewski (“Commodore 64, Baujahr 1981”), der einen neuen Trend zur Stadtflucht der Nerds ausgemacht haben will und in der Uckermark eine solche Hackbase aufbaut.Wer das Gefühl hat, dass er gerne mitmachen will: stadtflucht.slack.com

Kulturelles Gedächtnis

Als Gegenstand der Kulturwissenschaften: die über Generationen in Gegenständen und Riten bewahrten Traditionen, die uns prägen. Wer bewahrt die digitale Kultur und welche Digitalisate müssen überhaupt für die Zukunft bewahrt werden, fragte eine Expertenrunde auf der re:publica. Denn zum einen hat die Haltbarkeit der Medien, in denen das kulturelle Gedächtnis bewahrt wird, seit der Tonscherbe stark abgenommen. Zum anderen gilt: Sobald Dinge an einer Stelle gesammelt und archiviert werden, geraten anderen Dinge in Vergessenheit. Gebraucht wird also eine Strategie des Vergessens. (Mehr dazu bei ZBW Media Talk.)

Neurokapitalismus

Wortschöpfung aus dem Vortrag von Miriam Meckel über Brainhacking und Selbstoptimierung. “Reiche Leute können sich mehr Hirn kaufen”, wie es ein Twitterer ausdrückte, ist vielleicht ein wenig verkürzt …

Netzwerkdurchsetzungsgesetz

Okay, das ist kein Schlagwort. Aber ein so wunderbares Wortungetüm. Noch bezeichnet es kein tatsächlich existierendes Gesetz, sondern den “Entwurf eines Gesetzes zur Rechtsdurchsetzung in den sozialen Medien”, kurz: den Versuch, Plattformbetreiber wie Facebook zum Vorgehen gegen strafbare oder beleidigende Inhalte zu zwingen. Was denn laut #NetzwerkDG unter Fake News und Hate Speech fällt und was die “Durchsetzung” für Auswirkungen haben könnte, damit befasste sich der Talk von Markus Reuter von netzpolitik.org.

Phatische Kommunikation

Linguistischer Fachbegriff für Aussagen wie “ganz schön kalt heute”, die nicht als Information oder Handlungsaufforderung gedacht sind, sondern allein dazu, eine Verbindung zwischen Sender und Empfänger herzustellen. Gunter Dueck lancierte den Begriff in seiner Keynote über gute und schlechte Aufmerksamkeit und wie man sie bekommt mit dem Hinweis, dass ein Großteil der Kommunikation in den sozialen Medien aus solchen phatischen Sprechakten besteht. Gut, das weiß die Internetlinguistik schon länger, aber es kommt natürlich besser an, wenn es wie hier im Rahmen eines Rundum-Buzzword-Bashings angeboten wird.

Radikale Höflichkeit

re:publica 2017

Gegenentwurf zum pathetischen Love Out Loud, dem Motto der re:publica.

Von verschiedenen Speakern als Antwort auf die Frage ins Feld geführt, wie man mit Trollen bzw. denen, die noch nicht ganz ins autoritäre/identitäre Lager abgeglitten sind, umgehen solle.

Wie Carolin Ehmcke in ihrem Vortrag sagte, Liebe kann man nicht einfordern, schon gar nicht von der Gegenseite. “Wir brauchen nur Respekt, und manchmal würde es höfliche Gleichgültigkeit auch tun.”

Verfügbarkeitsheuristik

Daniel Kahnemann zeigt in seinem Bestseller “Schnelles Denken, langsames Denken” unter anderem folgendes Phänomen auf: Das, was man häufiger gehört hat, hält man für wahrscheinlicher – obwohl es überprüfbar nicht der Realität entspricht. Die Forscher Konrad Lischka und Christian Stöcker bedienen sich in ihrem erhellenden Vortrag des kahnemannschen Denkstil-Modells, in dem verschiedene wahrnehmungspsychologische Theorien zusammengefasst sind, um das Phänomen der Filterblasen auseinanderzunehmen.

re:publica 2017Ihr Fazit: Echokammern existieren tatsächlich, aber nur in speziellen Zusammenhängen – nämlich Verschwörungstheorien oder Wissenschaft.

 

 

Soweit meine kleine Auswahl von buzzfähigen Begriffen. (Wo fängt man an, wo hört man auf?)

Soll sich doch jede/r sein eigenes Bild machen. .. Wir sehen uns sicher nächstes Jahr auf der #rp18.