Gelesen: “Sprint – wie man in 5 Tagen große Probleme löst und neue Ideen testet”

Was tun, wenn man als Start-up kurz vor der Pleite steht? Wenn die Kundinnen das Produkt nicht verstehen? Wenn man diversifizieren und expandieren will, aber nicht sicher ist, wie der nächste Schritt aussehen soll? Antwort: Man versammelt 7 Spezialisten 5 Tage lang in einem Raum mit zwei Whiteboards und vielen Klebezetteln und lässt sie einen  Sprint durchlaufen – einen durchstrukturierten Prozess, um ambitionierte Ideen zu entwickeln und zu testen.

SprintJake Knapp, John Zeratsky und Braden Kowitz liefern in ihrem Buch Sprint: How to Solve Big Problems and Test New Ideas in Just Five Days das Rezept – Schritt für Schritt beschreiben sie, was während der fünf Tage passieren soll. Die Tage sind extrem durchgetaktet, einschließlich der Pausen, damit das bestmögliche Ergebnis in der knappsten Zeit erzielt werden kann.

“Das ist doch, was Arbeit sein sollte: Nicht Zeit in endlosen Sitzungen verschwenden und dann versuchen, in einem Team-Building-Event beim Kegeln Kameradschaft aufzubauen, sondern zusammenarbeiten, um etwas zu bauen, das den Menschen wirklich nützt. Dies ist die beste Nutzung eurer Zeit. Dies ist ein Sprint.”

Die Idee des Sprints ist nicht neu, sie entstammt der agilen Softwareentwicklung und wird verkürzt auf 4-5 Tage als Designsprint oder abgewandelt als Booksprint schon länger eingesetzt. Knapp/Zeratsky/Kowitz entwickelten ihre Methode ab 2012 als Teil ihrer Beratungstätigkeit als Partner bei Google Ventures, der Beteiligungsgesellschaft von Google.

Alles Berater-Hype also? Tatsächlich liest es sich wie ein Mix verschiedener Methoden aus Design Thinking, Brainstorming, Lean-Startup … Der Ansatz und die Darstellung der Vorgehensweise sind aber so pragmatisch, dass man den Autoren die Erfahrung aus über hundert Sprints abnimmt – und gleichzeitig dank des lockeren Stils an mancher Stelle schmunzeln muss.
Als Leserin hat man den Eindruck, Interna zum Beispiel von Airbnb und Slack (beides von GV kofinanzierte Startups) zu erfahren, wenn Storyboards aus deren Sprint zur Entwicklung einer Marketingkampagne abgebildet werden.

Die Autoren machen eines aber klar: Es ist ein moderierter Prozess und misst außerdem der Unternehmerin oder dem CEO eine ganz entscheidende Rolle bei.

“Demokratie ist ein gutes System, um Nationen zu regieren, aber sie hat keinen Platz in eurem Sprint”.

Entscheider sollen beispielsweise klar für ihre bevorzugte Idee stimmen. Es ist keine spontane Entscheidung aus dem Bauch, weil alle benötigten Infos und die zentralen Punkte, die für die jeweilige Idee sprechen, gut sichtbar im Raum sind und vorher auch eine Probeabstimmung im Team stattfindet. Aber es ist zentral, dass die bevorzugte Idee der Entscheiderin getestet wird, sonst kann es sein, dass der Sprint folgenlos bleibt.

“Unnatürlich, aber effizient – wenn Sie sich wie Mr. Spock vom Raumschiff Enterprise fühlen, dann machen Sie’s richtig”

Der Prozess mag also nicht jedermanns Sache sein, aber er erfüllt anscheinend seine Aufgabe im Hinblick auf das eigentliche Sprintziel, nämlich am Freitag die bestmöglichen “Real World”-Daten aus den Interviews mit fünf Testkunden zu bekommen. Denn um das geht es letztlich: Eine Idee zu testen, bevor man viel Zeit investiert und Geld versenkt. Von der Auswahl des Sprintziels über die Expertenbefragung und Generierung von Ideen bis zum Storyboard für den Prototyp – alles ist genau darauf ausgerichtet, dass die User Experience der Testpersonen vom ersten Kontakt an möglichst realistisch und aussagekräftig ist.

Was mir mit am besten gefallen hat, sind die im Buch enthaltenen Checklisten für Sprint-Moderatoren und andere “Shortcuts”. Etwa die detaillierte Anleitung, wie man Testkunden findet, mit Beispielen für eine Kleinanzeige, für Auswahlkriterien und Tipps, wie man eine Umfrage formuliert. (Bei nur 5 Testkunden ist es sehr wichtig, die richtigen zu finden, sie müssen die Kriterien genau erfüllen. Der ganze Sprint hängt schließlich ab von den Daten, die man am Freitag mittels der Testpersonen erhebt.)

“Einen Sprint durchzuführen ist ein wenig wie Kuchenbacken: Wenn ihr das Rezept nicht befolgt, werdet ihr mit einem unansehnlichen Etwas enden. Ihr würdet ja auch nicht den Zucker und die Eier weglassen und dann erwarten, dass der Kuchen gelingt. Genauso könnt ihr nicht das Prototyping und Testen überspringen und erwarten, dass der Sprint ein gutes Ergebnis liefert. Für die ersten paar Sprints solltet ihr alle Schritte wie angegeben ausführen. Wenn ihr ein Gefühl dafür entwickelt habt – dann gerne experimentieren, so wie ein erfahrener Bäcker.”

Jake Knapp, John Zeratsky und Braden Kowitz: Sprint: How to Solve Big Problems and Test New Ideas in Just Five Days. Simon & Schuster 2016. http://www.thesprintbook.com/