Hello, past and future self

Die Lernexpertin Silvia Rosenthal Tolisano schreibt auf ihrem Langwitches Blog, wie sehr sie sich manchmal wie ein Wesen von einem fernen Stern vorkommt, wenn sie Begriffe wie Netzwerk-Lernen, Heutagogy, selbstgesteuerte Lernen verwendet. Wie oft sie feststellt, dass beim Thema Bildung so dermaßen aneinander vorbeigeredet wird. Das Gefühl, außerhalb der eigenen Filterblase von niemandem verstanden zu werden, habe sie, so Tolisano, auch vor 7 Jahren schon gehabt, und seitdem sei Vieles unverändert geblieben.

Bei der Lektüre des Artikels gingen mir gleich mehrere Fragen durch den Kopf.

© Maksim Šmeljov - Fotolia.com
Macht es eigentlich nur die Umgebung? Dass man erkennt, wie weit man sich entwickelt hat im Vergleich zu anderen, die mehr am Hergebrachten hängen? Ist es mehr oder weniger Zufall, dass man jetzt anders denkt als noch vor Jahren, oder ist es das Ergebnis eines gezielten Entwicklungsprozesses?

Die Frage ist doch: Woher wissen wir denn eigentlich, wo wir selbst vor 7 Jahren standen und wo jetzt?

Eine einfache Antwort wäre, auf Zielvorgaben zu verweisen, die entweder ich selbst oder andere explizit gesetzt haben: Entweder erreicht – oder eben nicht.

Einfach wäre es auch, “Entwicklung” mit dokumentierten Lernergebnissen (Zertifikaten usw.) oder Arbeitsergebnissen, z.B. einer Publikationsliste gleichzusetzen.

Wenn ich aber
  • kein Zertifikat anstrebe,
  •  LifeTracker gruselig finde,
  • keine Lerntagebücher führe (oder es irgendwann aufgegeben habe)
  • kein ePortfolio habe und
  • es mühsam finde, Profile zu pflegen …

Wie kann ich dann herausfinden, wo ich vor 7 Jahren stand und wo heute?
Zum einen sicher durch Feedback, von Personen, mit denen ich etwas zusammen mache und die mir sagen, das war gut, besser, nicht so gut …

Zum anderen durch die eigene Rückschau.
Sicher: Das informelle Lernen detailliert “messen” zu wollen, ist ein Widerspruch in sich. Nur mal zwei Beispiele:
A.
Auf der Verpackung eines Kräutertopfs steht, dass man Kräuter nicht von oben gießen sollte, sondern in ein Schälchen mit Wasser stellen. Hatte ich vorher noch nie gehört. Nur festgestellt, dass es den Kräutern bei mir nach kurzer Zeit nicht mehr ganz so gut geht. Seitdem mache ich es eben so. (Und höchstens wenn ich mich mit dem Thema Lernen beschäftigt habe, registriere ich: Aha, hier habe ich quasi im Vorbeigehen etwas gelernt.)

B.
Eine Kundin erzählt begeistert, dass sie per Zufall wieder auf kleine Tutorial-Videos gestoßen ist, die ich vor Zeiten erstellt habe. Mir ging es damals darum, Autorinnen ein bestimmtes Vorgehen im CMS zu erklären ohne langwierige Anleitungen und Richtlinien zu schreiben. Jetzt fällt mir ein, dass ich dabei gelernt habe, Screencasts direkt in Camtasia zu schneiden ohne den Umweg über iMovie, weil es eben schneller geht. Ich weiß zwar nicht, ob ich es beim nächsten Mal auf Anhieb wieder hinbekomme, aber zumindest werde ich mich daran erinnern und das Wissen bei Bedarf auffrischen.

Beides kann ich schlecht messen.
Dennoch kann es ja Gründe geben, zwischendurch eine persönliche Wissens-Bilanz zu ziehen, zum Beispiel

  • Wenn ein neues Projekt ansteht
  • Wenn ich das Gefühl habe, mich zu verzetteln.
Und wie könnte ich meine persönliche Entwicklungs-Bilanz nun angehen?
Eine Möglichkeit: Von Projekten ausgehen. Die entsprechenden E-Mails, “Artefakte”, Projektplanung, Ordner durchsehen. Oder: meinen gesamten Twitterstream seit 2009 durchforsten. Das wäre die Dokumentation von Themen, denen ich Aufmerksamkeit gewidmet habe – vielleicht würde ich sogar eine veränderte Sichtweise nach 7 Jahren feststellen.

Jedenfalls kommt so natürlich sehr viel Material zusammen. Welche Erkenntnisse möchte ich daraus ziehen? Zur Auswertung lassen sich einfache Leitfragen formulieren.

a) Womit habe ich mich beschäftigt? Was davon finde ich immer noch wichtig? Und wie denke ich heute anders darüber? (Leichter zu beantworten, wenn ich über die Jahre eine Menge von Notizen in Evernote gesammelt habe.)

b) Umgang mit Fehlern. Mache ich immer dieselben, lerne ich was draus, tausche ich mich mit anderen darüber aus?

c) Barcamps und Konferenzen. Wen habe ich wo kennengelernt, was könnten wir voneinander gelernt haben?

d) Welches Wissen, das ich mal erworben habe, hat mich wirklich weitergebracht?

Letztere Frage ist die am schwersten zu beantwortende, finde ich.

Bildquelle: Maksim Šmeljov – Fotolia.com

2 Gedanken zu „Hello, past and future self

  1. Hallo Esther,
    Ich bin fasziniert, dass du einen Schritt weiter geggangen bist und dir die Frage stellst, WIE koennen wir selber feststellen, wo man vor 7 Jahren stand und dies mit unserem jetzigen (Lern-)Stand vergleichen
    Bei mir ist es einfach, da ich ja gezielt meine Lernreise, Brotkruemmelart aber auch durch verlinkte Art und Weise, dokumentiere durch Blog und anderern Social Media platforms. Die Frage, die du aufwirfst allerdings, WIE macht man das, wenn diese Dokumentation fehlt? Wieviel schwerer ist es zu selbstreflektieren oder eine Wissensbilanz zu ziehen, wenn es keine Artifakten, (Brotkruemmel) gibt wo man war, welchen Weg man eingeschlagen hat, welche Ressoursen benutzt worden, welche Fehler man machte , etc.
    Ich harbeite z.Zt. an einem Buch, die Kunst des Dokumentierens VOM/FUERS/DES Lernen…. Super interessant diese Fragen :)
    Viele Gruesse aus Florida
    Silvia

    • Liebe Silvia,

      danke für deinen Kommentar, ich freue mich sehr darüber!
      Die Rückschau ist vielleicht schwieriger bei Älteren, die nicht solche Brotkrumen hinterlassen haben. Oder auch: Will jede/r solche Brotkrumen ausstreuen, und kann man das gezielt machen – es sind ja oft verschlungene Pfade, die man da geht. Ich denke da an Steve Jobs’ berühmtes “You cannot connect the dots looking forward …”
      Auf alle Fälle bin ich nun gespannt auf dein Buch.

      Herzliche Grüße, Esther

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