(K)Eine Stilfrage: Infotexte in Leichter Sprache

In der aktuellen Wochenend-taz findet sich ein Kommentar: Leichte Sprache braucht Kritik, der sich unter anderem auf kritische Feuilletonartikel in FAZ und in B.Z. bezieht. Hintergrund der Debatte ist die Tatsache, dass Behörden und Institutionen im Vorfeld der Bundestagswahl vermehrt Informationsmaterial in Leichter Sprache publizieren. Nicht zuletzt deshalb, weil sie im Sinne der Barrierefreiheit gesetzlich dazu angehalten sind. Den Text selbst gibt es auch in Leichter Sprache.

Journalisten sollten sich infor­mieren, bevor sie Leichte Sprache kritisieren.
Zum Beispiel über diese Fragen:
• Wer ist die Zielgruppe von Leichter Sprache?
• Was ist die Aufgabe von Leichter ­Sprache?
• Welche Geschichte hat Leichte ­Sprache?
Sonst können Journalisten Leichte ­Sprache nicht richtig bewerten.
Denn eines ist sicher:
Journalisten sind nicht die Zielgruppe.

Worum es geht und wer denn dann die Zielgruppe ist, das erläuterte kürzlich in einem Vortrag bei den Webgrrls Rhein-Main Claudia Fischer vom Social Franchise Network capito. “Teilhaben können an den Möglichkeiten der Gesellschaft”, das sollen alle, und das schließt Menschen mit Lernschwierigkeiten ein. Übersetzungsbüros wie capito arbeiten daran, mit verständlichen Informationen einen Zugang für zusammengenommen 21 Millionen Menschen zu schaffen. So viele sind es nämlich, die laut Leo-Studie der Uni Hamburg nicht gut lesen können bzw. beim Lesen nicht den Sinn verstehen. “Das Übersetzen ist ein kreativer Job”, denn natürlich geht es dabei um viel mehr als Grammatik und Stil. Was gar nicht so einfach ist: Bei allen Informationen den Kern, das Wesentliche herauszuarbeiten, um es dann entsprechend der Regeln für Leichte Sprache neu zu formulieren.

Wenn das Übersetzen die eine Herausforderung ist, so ist eine andere, die Texte anschließend an den richtigen Mann oder die richtige Frau zu bringen. Denn erstens gibt es unterschiedliche Sprachstufen und zweitens sollen nicht die einen sich diskriminiert und die anderen sich verärgert fühlen. Wie kann man das lösen?

Ein Stufenkonzept als Einstiegshilfe

Eine Möglichkeit, die bei digitalen Medien auf der Hand liegt, ist stufenweise in den Text zu führen. Erklärt anhand der Niveaustufen des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens: Das Wichtigste auf A1 (Was muss jeder wissen?), und dann weitergehen und ausführlichere Informationen auf A 2 präsentieren usw. Etwa indem man einen Infokasten: “Das Wichtigste”, angepasste Zwischentitel und Überschriften integriert.

Als Beispiel nannte Claudia Fischer die Niederösterreichische Landesausstellung, dort hatten die Beschreibungen QR-Codes, die zu verschiedenen Textversionen führten – jeder kann in seiner Sprachstufe lesen.

Eine interessante Entwicklung in dieser Richtung ist die Capito App, die dieses Stufenkonzept konsequent umzusetzen versucht: Ein- und derselbe Text lässt sich damit in Versionen von A1 bis B1 ansehen (natürlich nur, wenn von Behörden und Unternehmen entsprechend bereitgestellt).

“Wer nicht versteht, kauft nicht”

Übrigens erkennen nicht nur Behörden, sondern auch immer mehr Unternehmen das Potenzial einfacher bzw. leichter Sprache: je mehr verständliche Kundeninformationen, desto weniger Hotline-Anrufe … Oder, wie die sogenannte Klartextstudie der Ergo-Versicherung von 2011 gezeigt habe: “Wer nicht versteht, kauft nicht”.

Und schließlich, so Frau Fischer, schätzen wir alle irgendwann leicht verständliche Informationen – nicht nur in Situationen, wo wir müde, gestresst, unter Zeitdruck sind: Wir werden in Zukunft noch mehr Informationen noch schneller erfassen müssen. “Früher gab es weniger Kanäle, jetzt schickt mir einer was über Dropbox, der nächste über anderen Dienst. Ich muss ständig lesen, um zu erfassen, wie es funktioniert. Auch Buttons sind nicht immer selbsterklärend.” Wem sagt sie das …

Zusammengefasst: Es geht um den Einstieg! Seien die Barrieren nun sprachlicher oder anderer Natur – “Siehe: selber aufgebaute Barrieren bei Frauen in Sachen Technik. Aber Programmiersprache ist doch auch nur eine Sprache …” – : Manche geben schon gleich auf, weil sie denken, das verstehe ich eh nicht.
(Warum nur muss ich dabei an meine Stromrechnung denken?)


Linktipps zum Weiterlesen:
Bundeszentrale für politische Bildung, Informationen u.a. zur Bundestagswahl in Leichter Sprache
Hurraki.de, Wörterbuch für Leichte Sprache (Wiki zum Mitschreiben)
[Update:] Ausführlicher Hintergrundartikel von Anne Leichtfuss: Leichte Sprache – ein Mittel der Teilhabe oder “dümmliches Deutsch”? Leidmedien.de, 22.8.17
Das Wirtschaftsmagazin brandeins übersetzt Wahlprogramme 2017 zum Thema Bildung in Leichte Sprache