Prägnant, fluid: der Twitter-Essay

Mit das Interessanteste, was ich diese Woche gelesen habe, war ein Artikel auf Wired über Emma Coats. Die Storytelling-Spezialistin trainiert Googles Sprachassistenten Persönlichkeit und Schlagfertigkeit an, um das Nutzungserlebnis zu verbessern. Wer sich mit dem Äquivalent zu Apples Siri unterhält, soll das Gefühl eines echten Gegenübers haben. Also gilt es, eine Figur mit einer Art Story zu entwickeln.

Emma Coats war früher bei den auf Animationsfilme spezialisierten Pixar Studios angestellt. Was sie dort über Storytelling lernte, fasste sie in einer Serie von Tweets zusammen – den als Pixar’s Rules of Storytelling berühmt gewordenen 22 Regeln. Diese Tweets, so wird sie in dem Wired-Artikel zitiert, seien eine Art Notizen an ihr früheres Selbst gewesen.

Sicher ist Emma Coats nicht die Erste, die Twitter in dieser Weise verwendet hat: Sie veröffentlichte eine nummerierte Serie von thesenartigen Tweets – einen Twitter-Essay. Die Nummerierung macht deutlich, dass es sich um eine Folge von aufeinander aufbauenden Gedanken handelt. Oft werden die Tweets mittels “Antworten”-Funktion miteinander verbunden, manchmal nur durch einen Hashtag.

Joannechocolat veröffentlicht regelmäßig ihre “Ten Tweets about”

Umstritten ist, ob da mit dem Twitter-Essay ein neues literarisches Genre entstanden sein könnte. Für die einen ist es die Idealform des digitalen Schreibens: Interaktives Entwickeln von Gedanken und Austausch mit den Lesenden in Echtzeit. Für die anderen nur wieder eine Form von männlich herablassendem Erklärbär-Verhalten. (Siehe ausführlich: In Defense of the Twitter Essay.)

Viele Twitter-Essays behandeln Web-Themen

Ein Twitter-Aufsatz ist jedenfalls nicht zu verwechseln mit den undifferenzierten Tweetstorms, auch wenn er natürlich eine bestimmte These oder Sichtweise unterstützt. Da Twitter-Essays als separate Tweets veröffentlicht werden, die jederzeit kommentierbar sind, werden sie manchmal kollaborative Werke. Richtung und Fokus eines Aufsatzes – und sogar das zentrale Argument – können sich durch Antworten aus dem Netzwerk verändern.

Die komprimierte Form (optimal etwa 120 Zeichen, um Retweets, Hashtags und vielleicht Kommentare zu ermöglichen) zwingt dazu, prägnant zu formulieren. Jeder Tweet muss in sich auch zumindest einigermaßen kohärent sein. Bilder, Videos, Emojis können und sollen eingesetzt werden – aber stringent. Konsequenterweise wurde der Twitter-Aufsatz als didaktisches Format vom Institute for Hybrid Pedagogy entdeckt oder zumindest populär gemacht. Nicht um den traditionellen Aufsatz zu ersetzen, sondern um den Lernenden ein weiteres Werkzeug im Koffer für zeitgemäßes Schreiben mitzugeben. (Siehe Twessays and Composition in the Digital Age.)

Vielleicht werden ja einige von ihnen mal Bot-Trainer? Eine interessante Aufgabe, zumindest für den kurzen Zeitraum, bis auch diese die Algorithmen selber übernehmen.