SciFi und das Ende der Gebrauchsanweisung

Die Bedienungsführung eines sogenannten Seniorentelefons hat mich neulich fast wahnsinnig gemacht. SCSM25

Unter Ergonomie verstehen die offenbar, dass die Tasten etwas größer sind und man es vor allen Dingen sehr laut stellen kann. Weswegen es die Tante angeschafft hatte. Beim Versuch, Telefonnummern der Verwandtschaft einzuspeichern und ihr bei der Gewöhnung an das neue Ding zu helfen, musste ich irgendwann die Herumtipperei in nicht selbsterklärenden Menüs aufgeben und tatsächlich die Bedienungsanleitung zu Hilfe nehmen.

Dann hat es aber natürlich noch eine ganze Weile gedauert, bis ich die richtige Stelle gefunden hatte. Ich glaube, das Verstehen von Gebrauchsanweisungen wird zu einer aussterbenden Fähigkeit, genauso entbehrlich wie die Gebrauchsanweisung selber.

Eigentlich, dachte ich, wäre es gescheiter, die Tante könnte Anrufe direkt in ihrem Hörgerät empfangen und brauchte auch nur zu sagen: Siri (oder wer auch immer), ruf Enkel Mäxchen an. Wahrscheinlich geht das längst. Aber mag man Seniorinnen in sehr vorgerücktem Alter ein Smartphone oder Alexa und Co. aufdrängen? “Das verstehe ich doch alles gar nicht mehr”. Also gut, her mit der Gebrauchsanweisung. …

In Kreisen der technischen Kommunikation sind sie weiter. Da ist schon die Rede von User Assistance statt User Instructions. Sie rechnen damit, dass mittels neuer Technologien die Geräte tendenziell intelligenter und kontextsensibler werden und ihren Besitzern an der richtigen Stelle auf die Sprünge helfen.

Aber vermutlich ist das auch nur ein Übergangsstadium. Wie wir künftig mit den Gerätschaften umgehen und kommunizieren könnten, untersucht Christopher Noessel in seinem Blog SciFi Interfaces. (Achtung, ziemlich abgefahren!) Hier erklärt er anhand von Filmausschnitten von Das Fünfte Element bis Wall.e, wie sich die Mensch-Maschine-Schnittstelle künftig entwickeln könnte. Kein ganz abwegiger Ansatz, schließlich haben Science-Fiction-Autoren in der Vergangenheit gar nicht so schlecht mit ihren Vorhersagen abgeschnitten.

Mit Ausschnitten aus Dr. Strange illustriert Noessel die Entwicklung der „Gebrauchs“-Konzepte technischer Hilfsmittel: Von Werkzeugen, für die wir Instruktionen brauchen, über Assistenz, die unsere Aufmerksamkeit auf Bereiche und Funktionen lenkt, mit denen wir je nach Situationen interagieren sollen, schließlich zur Handlungsmacht, d.h. sie erledigen selbstständig Aufgaben in unserem Sinne. Ohne dass wir uns große Gedanken darüber machen, wie es nun im Detail funktioniert.

Die Technologie verschwindet.

“Zuerst ist Technik neu, dann gewohnt, dann unsichtbar“, schreibt Klaus Kornwachs in seiner Philosophie der Technik. „Kein Mensch würde auf die Idee kommen, ein Lagerfeuer, bei dem chemische Bindungsenergie von Biostoffen freigesetzt wird, als Technik zu bezeichnen – und doch waren all diese Verhaltensweisen und Hervorbringungen einmal «High-Tech» oder «Neue Technologien», wie die Euphemismen heute lauten.”

In seinen Essays über Dr. Strange und den magischen Mantel und den Stab des Lebenden Tribunals untersucht Christopher Noessel den Zusammenhang von unsichtbarer (oder vielmehr undurchschaubarer) Technik und Magie. Einige Verhaltensweisen der von Filmfiguren eingesetzten Waffen und Kleidungsstücke in Form von Wearable Tech ließen sich mit künstlicher Intelligenz und kontextbasierenden Systemen erklären. Andere nicht: Die Grenze zur Magie ist dort erreicht, wo die Gesetze der Physik wirklich aufgehoben werden.

À propos Magie: Erinnert sich noch jemand an Catweazle und seinen Zauberknochen?

Literaturtipp: Klaus Kornwachs, Philosophie der Technik. Eine Einführung, C.H.Beck 2013.Foto: Melissa Wilkins, Hand-Crank Telephone with instructions, South Carolina State Museum, CC BY-SA 2.0