Spiel-Cards: Website-Content entwickeln mit Evernote

Die Idee, Karteikarten für Textentwürfe und zur Konzepterstellung zu verwenden, ist fast so alt wie die Menschheit ;) Aber sie bewährt sich immer wieder.

Karten kann man sich als Behälter für modulare Inhalte denken oder als Bausteine, die nach Belieben neu angeordnet, kategorisiert und sortiert werden können. Seit dem Aufstieg des mobilen Web ist die Karten-Analogie allgegenwärtig, man denke nur an Twitter- und Instagram-Cards.

FullSizeRenderWas liegt da näher, als das Karten-Prinzip auch bei der Entwicklung der Inhalte, die auf eine Website sollen, anzuwenden?

Eine einfache Möglichkeit (für die, die es sowieso schon nutzen) bietet hier Evernote. Denn schließlich – die einzelnen Notizen sind auch nichts anderes als „Karten”.

Für ein kleines Relaunch-Projekt habe ich es kürzlich ausprobiert: Was bringt die „Simulation“ der Webinhalte in Evernote?

Den engen Zusammenhang zwischen Text und Gestaltung sichtbar machen
Traditionell sind wir es von der Textverarbeitung her gewöhnt, linear zu schreiben oder aber mehrere Dokumente zu verwalten und irgendwann zusammenzuführen. Und so begann die Geschichte auch in diesem Fall zunächst mit Word. Aber das machte es nicht gerade einfach, den Überblick zu behalten und die spätere Umsetzung fürs Web mitzudenken.
Bevor es an die Feinarbeit und Umsetzung des Designs gehen konnte, brauchte die Webdesignerin die inhaltlichen Anforderungen. Welche Texte sollen wo stehen? Welche Content-Elemente gibt es überhaupt?

Die Struktur so simulieren, dass sie begreifbar wird
Bei der „Modularisierung” geht es darum, die Funktion von Textabschnitten deutlich zu machen. Was ist Überschrift, Teaser, verlinkte Unterseite?
Über den Notiztitel bekommt das Ganze schon mal eine Struktur, über die man reden kann.Struktur

Zeitsparend arbeiten und den Überblick behalten
Selbst wenn man meint eine gute inhaltliche Struktur zu haben, kann es passieren, dass sich bei näherer Betrachtung herausstellt: So wie gedacht, funktionieren die Inhalte doch nicht!
Es ist vergleichsweise einfach, im Entwurfsstadium Texte zunächst in Evernote anzulegen und immer wieder zu überarbeiten und zum Beispiel die Verlinkung der einzelnen Elemente auszuprobieren, um den logischen Aufbau der Site zu simulieren.

Für alle Beteiligten sichtbar machen

Snippets

Snippet-Ansicht auf dem Desktop (mit Dummy-Content)

Sinnvoll ist als Vorschau auf alle Notizen die Ausschnitt-Ansicht. Hier sieht man den Notiztitel, ein eingebundenes Bild oder PDF, die ersten Wörter – das heißt, man kann überprüfen, ob zum Beispiel ein Teaser funktioniert.
Ein sehr einfaches Projektmanagement lässt sich realisieren, wenn eine Notiz mit Checkboxen für die anstehenden Aufgaben angelegt wird. ERinnerungen

Außerdem lassen sich die einzelnen Notizen ja auch mit Erinnerungen versehen, die von den anderen Teammitgliedern abonniert werden können.

Und was funktioniert nicht so gut? Wie sich gezeigt hat: Es gibt auch etliche Stolpersteine.

Die Evernote-Software erlaubt kein wirklich kollaboratives Arbeiten
Wenn eine Notiz bearbeitet wird, legt Evernote dafür eine neue Version an. Das heißt aber, dass es zwei Versionen der Notiz gibt, wenn zeitgleich von zwei verschiedenen Geräten aus bearbeitet wird. Es entsteht ein “Änderungskonflikt“, der beigelegt werden muss, das heißt, es ist zu entscheiden, welche Version gilt bzw. die Veränderungen müssen zusammengeführt werden.
Es wird nicht wie zum Beispiel bei Google Docs das gleiche Dokument fortwährend überschrieben (dort ist nur die jeweils bearbeitete Zeile gesperrt.)
Hier fanden wir es am einfachsten, bei der gleichzeitigen Arbeit  Skype zu verwenden und den Bildschirm zu teilen, um über eine Notiz zu sprechen während nur einer der Beteiligten die Änderungen vornimmt.

Manchmal sind nicht alle auf dem neusten Stand
Damit Überarbeitungen einer Evernote-Notiz für die anderen Teammitglieder sichtbar sind, nicht vergessen zu synchronisieren. (Klingt banal, ist aber tatsächlich nicht so selbstverständlich.)

Keine individuelle Sortierung von „Schnipseln”
Anders als bei realen Karteikarten ist eine individuelle Anordnung oder das Hin- und Herschieben der einzelnen Notizen nicht möglich. Wenn man Zusammenhänge, Über- bzw. Unterordnung sichtbar machen will, geht das nur über die Verwendung von Schlagwörtern, nicht über Sortierung – was manchmal hilfreich gewesen wäre für den Überblick. (Die Sortierung ist nur alphabetisch über den Notiztitel, das Erstellungs- oder Änderungsdatum möglich.)
Schlagwörtern können allerdings die spätere Navigation ein wenig simulieren, sofern die Navigation über Kategorien erfolgt und die Evernote-Schlagwörter diesen Kategorien entsprechen.

Keine direkte Kommentarfunktion bzw. Änderungsverfolgung
Es ist nicht leicht nachzuvollziehen, wer was wann geändert hat. Kommentare und Änderungen müssen von den einzelnen Teammitgliedern farbig hervorgehoben, signiert und datiert werden – das macht es leicht unübersichtlich.
Und: Spätestens wenn die Inhalte ins Web übertragen sind, sollte man die „Spielwiese“ Evernote verlassen und den Feinschliff direkt im Web-CMS vornehmen. Zweigleisig fahren und in Evernote überarbeiten, bedeutet Mehraufwand. (Logisch? Im Nachhinein ja … Aber auch dies zeigte sich erst später im Projekt.)

Das Fazit:

Für unser Projekt hat es sich gelohnt, das Textkonzept für den Relaunch nach und nach in Evernote zu entwickeln. Es gab sehr viel schneller sicht- und greifbare Ergebnisse, über die wir diskutieren konnten, als das sonst möglich gewesen wäre. Aber es war durchaus herausfordernd für alle Beteiligten – und nur deshalb eine Option, weil eben alle Evernote ohnehin nutzen.