Warum einfache Sprache gar nicht so einfach ist – Lernen von der technischen Kommunikation

Letzte Woche habe ich mich ein bisschen darüber beschwert, dass ich mich genervt durch eine Gebrauchsanweisung blättern musste. Das war nicht nett, denn ich weiß, was die Kolleginnen und Kollegen Technische Redakteure leisten.

In diesem Zusammenhang empfehle ich einen Blick in Tom Johnsons Blog I’d rather be writing. Er hat gerade einen großartigen Artikel über Verständlichkeit (nicht nur technischer Informationen) geschrieben.
Schön: Der Artikel enthält einen Praxistest des Lesbarkeitstools Hemingway App. Für die Ungeduldigen fasse ich den Artikel hier mal zusammen.

Technische Redakteurinnen wissen nur zu gut um die Bedeutung von Lesbarkeit und Verständlichkeit. Schließlich werfen die meisten Benutzer nur dann einen Blick in Hilfetexte, wenn der Leidensdruck entsprechend hoch ist – Tom Johnson: „… wenn das Nichtlesen der Dokumentation größere Schmerzen verursacht als das Lesen”. „Aber in diesem Geisteszustand – ungeduldig, wütend, frustriert, gestresst – ist die Benutzerin am wenigsten bereit, sich intensiv in die Grundlagen der Materie einzuarbeiten. Schreiben für Benutzer in diesem Geisteszustand bedeutet, die Dokumentation so zu gestalten, dass Informationen extrem einfach zu überfliegen und erfassen sind.“

Autoren erkennen aber oft nicht, wenn Sätze, die sie schreiben, schwer zu lesen sind. Das liegt daran, dass die zugrunde liegenden Logik und die Details, die notwendig sind um den Hintergrund zu verstehen, zwar im Kopf der Verfassers existieren, aber nicht explizit im Text.

Um schwer lesbare Sätze zu identifizieren, kann man Sprachwerkzeuge wie die Hemingway App einsetzen. Sie messen „Einfachheit“ der Inhalte anhand der Regeln eines wissenschaftlichen Verständlichkeitsmodells und bewerten sie auf einer Skala (z.B. dem sogenannten Flesch-Kincaid-Index).

Das klingt schon mal toll, aber wie Tom Johnson in seinem Blogpost sehr anschaulich zeigt: Wenn es darum geht, diese Sätze zu überarbeiten, entstehen eine Menge Detail-Probleme.

Kürzere Sätze – reicht das schon?

Eine naheliegende Methode zur Vereinfachung ist, die Satzlänge zu kürzen. Aber kürzere Sätze klingen in der Regel abgehackt: Das Gras wächst. Die Blumen blühen. Lange lässt sich das nicht durchhalten, ohne dass es langweilig wird oder wie ein Grundschulaufsatz klingt. Rhythmus entsteht durch gezieltes Abwechseln – einige Sätze kurz, einige lang.

Gut, Vereinfachung kann ich auch erreichen durch Weglassen unnötiger Details. Überflüssige Wörter streichen, Sätze verschlanken. Standard-Prozedere bei jedem Lektorieren eines Texts. Aber ab wann sind Details „überflüssig“?

Nicht umsonst, so Johnson, fragt Ian Crouch – ein Kolumnist des angesehenen Magazins New Yorker – in seiner Rezension der Hemingway-App: „Aber wollen wir überhaupt schreiben wie Hemingway? Oder besser, hat Hemingway wirklich geschrieben wie Hemingway?“ Crouch argumentiert, dass Hemingway oft die von ihm selbst aufgestellten Regeln gebrochen hat.

Und selbstverständlich: Es kommt immer auf das Zielpublikum an.

Im New Yorker erwarten sie Prosa „der Verständlichkeitsklasse 14“. Alles andere würde für Verwunderung sorgen; man könnte sicherlich mal experimentell im Boulevard-Stil schreiben, aber nicht auf Dauer.

„Autoren sind gefangen in den Konventionen ihrer Diskurs-Gemeinschaften. Für Wissenschaftler ist es schwierig, nicht in den erwarteten Diskurs zu schlüpfen – nicht, weil sie es nicht wollen, sondern weil sie bei der Beschäftigung mit ihrer Materie ständig in eine bestimmte Sprache, die ihrer Kolleginnen, eintauchen. (…) Kommunikation ist eine Praxis des Lernens und imitiert den Diskurs der jeweiligen Gemeinschaft. Um plötzlich aus diesem Diskurs auszubrechen und zu einer einfacheren Sprache wechseln, müssten sie die automatisch sich formenden Satzgebilde aus ihrem Kopf entfernen.

(…) Komplexe Sprache ist in einer akademischen Publikation zu erwarten. Wissenschaftler können nicht in einfacher Sprache schreiben und ernst genommen werden. So wie ein Essayist des New Yorker nicht in einfacher Sprache schreiben kann, wenn er ernst genommen werden will.“

Neue Sachverhalte verlangen ein neues Vokabular

Dass es beim Thema Verständlichkeit nicht um Stilfragen, sondern vor allem auf Vorwissen ankommt, ist eine der zentralen Herausforderungen der technischen Dokumentation. Hilfetexte verlangen von der Leserin, einen neuen Wortschatz zu lernen. Hinter der neuen Terminologie steht oft ein neues Konzept. Egal wie sie versuchen zu vereinfachen, wenn die Benutzer nicht vertraut mit den Bedingungen und Konzepte finden diese Dokumentation undurchdringlich.

Johnson zeigt das sehr schön am Beispiel einer Dokumentation für Android-Entwickler: Komplett unverständlich für jemanden, der mit der Terminologie und den zugrundeliegenden Konzepten nicht vertraut ist. Aber auf der Lesbarkeits-Skala erreicht der Text einen guten Wert, weil die Sätze kurz und knapp sind. Wollten die Entwickler denselben Inhalt für Programmier-Anfänger darstellen, wäre die Dokumentation wohl zwei- bis dreimal so lang.

Und es würde vermutlich das Ziel torpedieren, den Anwendern schnell und präzise die Information zu liefern, die sie in der spezifischen Situation benötigen.

Die durchschnittlichen Leser von Hilfetexten sind übrigens meist gar keine völligen Newbies (schließlich haben sie sich vermutlich schon mit dem Produkt beschäftigt, bevor sie es angeschafft haben). Das heißt aber keineswegs, dass sie keine präzise, verständliche Sprache zu schätzen wissen, die durch klare und übersichtliche Navigation im Text unterstützt werden muss.

Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn wir uns als Lektorinnen immer mal (gut gemachte) technische Docs ansehen, um daraus zu lernen?


Zum Weiterlesen: Eine kleine Auswahl von Werkzeugen zur Textverständlichkeit findet sich auf dem Conterest-Blog von Sven Lennartz.


PS: Vor kurzem war ich bei einem Workshop zum Thema Leichte Sprache, den die Webgrrls Rhein-Main organisiert hatten. Leichte Sprache, einfache Sprache, verständliche Sprache – das sind Begriffe, die durchaus Unterschiedliches bezeichnen. Bin noch nicht dazu gekommen, einen “Nachbericht” zu schreiben, aber das kommt noch …

[Update: Hier ist er nun, der Blogpost zum Thema Leichte Sprache.]

2 Gedanken zu „Warum einfache Sprache gar nicht so einfach ist – Lernen von der technischen Kommunikation

    • Danke – und ja, ich hoffe, dass ich demnächst dazu komme. Es war wirklich ein interessanter Vortrag.

Kommentare sind geschlossen.