Warum es manchmal schwer ist, in “Ordnern” zu denken

Ein Aha-Moment aus der Praxis: Obwohl ich mich als durchaus strukturiert bezeichnen würde, hatte ich letztens bei einem Projekt Anlaufschwierigkeiten, was die “Struktur” betraf. Es gab zwar ein Konzept und eine Menge Material, aber da war das Gefühl, den Überblick zu verlieren. Es hat etwas gedauert, bis ich  darauf gekommen bin: Der Grund war, dass alle Inhalte fein säuberlich in die passenden Ordner abgelegt werden sollte. In zig Worddateien mit kryptischen Namen.

Das Problem: Eine starre Verzeichnisstruktur macht in vielen Fällen keinen Sinn mehr, oder sie macht die Dinge unnötig kompliziert.

Oder vielleicht empfinde ich es mittlerweile so. Wer eine Vorliebe für die klassischen Windows-Ordnerstruktur hat, dem erscheint die Wiki-ähnliche Struktur von Evernote wahrscheinlich anarchisch, aber sie hat eben den Vorteil, dass man die Objekte, die man an die Notizen heftet, nach unterschiedlichen Kriterien zusammensuchen und adressieren kann.

"Literaturverwaltung" mit Evernote

Was ist der Unterschied? Ein paar Beispiele:

  • Ich brauche mich nicht um Dateinamen zu kümmern, damit ich Dinge wiederfinde, der Name des Objekts ist völlig egal. Hauptsache, der Titel der Evernote-Notiz selber ist so gewählt, dass ich schnell finden und verknüpfen kann. Was man im Screenshot sieht, ist übrigens ein schneller Hack, bei dem ich Notiztitel sozusagen “missbraucht” habe: Es sollten Fachartikel für den schnellen Zugriff nach Autor und Zitierreihenfolge sortiert werden. (Es ist beileibe kein Vorschlag, dass Notiztitel in dieser Weise standardmäßig – oder gar als Alternative zu ausgefeilten Verschlagwortungs-Systemen, wie sie von manchen entwickelt wurden – verwendet werden sollten.)
  • Je nachdem, um was es sich bei dem jeweiligen Objekt inhaltlich handelt – etwa Fachartikel oder Best Practice Beispiele – kann ich sofort meine Anmerkungen, Textentwürfe … also alles was ich mit dem Text im Sinn habe und weshalb ich ihn mir überhaupt “aneignen” wollte, in die Notiz schreiben -> Informationsverarbeitung
  • Dadurch, dass neue Verknüpfungen und Zusammenhänge schlicht über die Verschlagwortung hergestellt werden, bleibt das System maximal flexibel. Sicher ist es in vielen Fällen sinnvoll, projektbezogen oder (vor allem!) wenn man mit anderen teilen möchte, doch wieder Notizbücher – die “Aktenordner” – anzulegen. Oder wie in meinem Fall das “Offline-Notizbuch”: Da ziehe ich z.B. vor längeren Bahnfahrten Notizen hinein, die lokal auf dem iPad synchronisiert werden sollen. (Warum, muss wohl nicht näher ausgeführt werden …)

Was sich jetzt wie Evernote-Werbung anhört, ist ganz anders gemeint. Es geht mir mehr um die Art und Weise, Informationen abzulegen, zu bewältigen und zu verarbeiten. Ich denke nicht, dass es eine Typsache ist. Vielleicht eher eine Gewohnheit, die zu entwickeln ihre Zeit braucht.

Aber freilich gibt es Alternativen zu Evernote. Wäre ich Vollzeit-Autorin, würde ich aus den oben geschilderten Gründen vielleicht die Software DevonThink (gibt’s leider nur für Mac) verwenden. In einem ausführlichen Artikel schilderte schon vor Jahren der amerikanische Autor Steven Berlin Johnson, wie ihm die Dokumenten- und Wissensmanagementsoftware mittels semantischer Verknüpfung von Textstellen und Zitaten – nicht nur von Dokumenten – die Arbeit erleichtert.
Für die meisten Recherche- und Verknüpfungszwecke dürfte allerdings Evernote genügen. Inklusive der manchmal überraschenden „Context“-Vorschläge, die es zutage fördert (es lebe die Serendipität!).

[Update]: Die freundliche Rückmeldung eines anderen Evernote-Nutzers hat mich darauf gebracht, dass man den Titel dieses Artikels und den gezeigten Screenshot missverstehen könnte. Ich habe deshalb die oben genannten Beispiele präzisiert.