Was ist wichtig? Was kann weg? Priorisieren und Überarbeiten

Kennen Sie die MoSCoW-Methode? Im Projektmanagement bezeichnet dieses Akronym eine Skala, anhand der man Anforderungen und Aufgaben priorisieren kann. MoSCoW steht für Must have, Should have, Could have, Won’t have und gibt jeweils an, ob eine Funktion im aktuellen Projekt zwingend umgesetzt werden muss oder (eher) nicht:

  • Was gehört zum absoluten Mindestumfang, ohne den das Projekt keinen Sinn macht?
  • Welche Bestandteile sind weniger kritisch, aber den Nutzern vielleicht wichtig?
  • Welche Features sind ganz nett und können ohne viel Aufwand oder Kosten berücksichtigt werden, aber bei Zeitmangel lässt sich darauf verzichten?
  • Und schließlich, welche Anforderungen werden gar nicht umgesetzt, sondern höchstens als Idee für künftige Weiterentwicklung aufgehoben?

Dahinter steckt der Gedanke, dass die unterschiedliche Einstufung von Anforderungen eine größere Flexibilität erlaubt. Wenn ein Projekt nur “Must Haves” hat, kann der Umfang nicht verändert werden. Anders bei den Should haves und Could haves: Sollte es eng werden, kann auf sie noch verzichtet werden, oder wenn genug Zeit ist, kann man sie noch hineinnehmen.

Auch beim Überarbeiten von Texten hilft es manchmal, eine solche Einteilung im Hinterkopf zu haben.

Während des Lesens kann man sogar eine MoSCoW-Liste führen:

Must: Das Skelett des Textes, die Argumentationskette. Wenn hier etwas Entscheidendes fehlt, funktioniert das ganze Werk nicht. Idealerweise ergeben die zentralen Sätze jedes Absatzes aneinandergereiht das Skelett.

Should: Das Fleisch, das es braucht, um den Text rund zu machen. Begründungen, die den Leserinnen helfen, die Argumente nachzuvollziehen. Die Should haves zeigen sich an den Stellen, an denen Lektorat und Testleser Fragezeichen hinterlassen, ein “verstehe ich nicht”, “was heißt das” (oder nach Belieben diplomatischere Formulierungen).

Could: Vorschläge für Exkurse (sparsam eingesetzt). Nicht zentrale Teile, die aber in den Zusammenhang passen und ausgebaut werden könnten. Neue Konzepte, die unvermittelt auftauchen oder Anspielungen, die Vorwissen bei den Lesern voraussetzen und deshalb “vorentlastet” werden müssten – wenn man sie denn bringen will. Potenzielle Streichkandidaten.

Won’t: Das ist der richtige Ort für die Darlings, die es nach einem häufig erteilten Ratschlag “umzubringen” gilt: Gedanken, Metaphern oder Formulierungen, die einem selber besonders gut gefallen – aber aus Lesersicht nichts zum Fortgang der Geschichte und zur Qualität des Textes beitragen.

Vielleicht sind Sie als Autorin ganz besonders stolz auf einen Einfall. Und dann kommt das Lektorat und sagt: besser streichen. Ausgerechnet die Rosinen. Dabei sind Rosinen eine prima Zutat! Nur nicht in einer Schwarzwälder Kirschtorte. Lieber die “Rosinen” aufheben, um sie ein anderes Mal zu verwenden. (Rosinen? Kirschtorte? Mmh … ab in die Won’t-Liste.)

Ob aus den gesammelten Geistesblitzen in einer solchen Jetzt-Nicht-Liste tatsächlich einmal was werden wird, ist an dieser Stelle noch nebensächlich. Hauptsache, sie sind nicht ganz weg und es fällt dadurch leichter, sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt herauszuschneiden.

Nur nicht zu viel Zeit und Herzblut auf die Wont’s verwenden! Eine gute Idee ist es dagegen, den Should haves genügend Aufmerksamkeit zu widmen. Wie oben gesagt, sie gewährleisten, dass wir beim Überarbeiten flexibel bleiben. Und manchmal sind sie das Tüpfelchen auf dem i.